04.09.2022

Rhetorik braucht Gegner – Rückblick auf einen rhetorisch lauen Polit-Sommer

Hand aufs Herz! Können Sie sich an ein einziges dieser angeblich ach so legendären Sommerinterviews erinnern? Themen gibt’s ja genug. Krieg! Energie! Corona! Die rumpelnde Koalition! Der schweigende Kanzler! Und dieses andere Thema, über das keiner spricht: Warburg! Die Journalisten könnten ihren Köcher voll haben. Nicht nur mit Fragen. Sondern auch mit Nachfragen. Und mit Munition fürs nochmal Nachfragen. Mit Recherche. Fürs „Löchern“, wie es früher in verrauchten Redaktionsstuben einmal hieß. 

Darf man das nicht mehr? Löchern? Weil es so nach Winnetou klingt? Es muss ja einen Grund geben, dass wir uns in den Medientrainings immer wieder und immer noch auf einen rhetorischen Kampf auf höchstem Niveau vorbereiten. Und uns im Fall der Fälle dann fühlen, als würden die Journalisten die Speisekarte aus dem auch nicht mehr so angesagten Einstein nebenan vorlesen. Von rhetorischem Gemetzel – keine Spur! Nicht mal der Hauch einer scharfen journalistischen Klinge blitzt auf an der Biegung des politischen Flusses im Lichte der untergehenden journalistischen Sonne. Hau, Bruder Shatterhand!

Liebe Journalisten, wenn Ihr so weitermacht, dann seid Ihr dabei, nicht nur Eurer Reputation das Grab zu schaufeln, sondern dem Beruf des Medientrainers den Garaus zu machen. Worauf sollen wir uns denn noch vorbereiten, wenn Ihr mit Wattebäuschen in das Sommerinterview zieht. Ein guter journalistischer Medientrainer antizipiert ja im Vorfeld alle Fragen, die da so dräuen könnten. Und hat manchmal Respekt vor dem Waffenarsenal, das man in den Händen der Medien vermutet. Ich überlege, ob ich Euch das nächste Mal meinem Zettel mit den Fragen einfach schicke. Nur damit die Politiker einfach mal wieder zeigen können, was sie rhetorisch so draufhaben. Wir wären echt gut vorbereitet. Und Ihr?

Und wenn wir schon dabei sind, dann noch einen Tipp. Die Verteter*innen der AfD stellt man in Interviews nicht mit dem Habitus der Empörung. „Aber Frau Weidel, Sie können doch nicht wirklich…“ Und dann folgt immer als Vorwurf irgendwas hanebüchen Rechtes aus dem Programm oder aus der letzten Rede. Was sollen denn die Weidels dieser Welt antworten, außer: „Doch! Genau!“ Und da ist er wieder, der Applaus von der falschen Seite.

Notabene, liebe Fragenden: Die AfD kann man nur inhaltlich stellen. In der Rhetorik gilt schon lange für die Antwortenden die Regel: „Emotional und empört! Schon verloren!“ Für die Journalisten gilt das erst recht. Merkt Ihr es denn nicht! Ihr kommt denen doch nicht mit Empörung bei. Muss Euch jetzt schon ein Medientrainer zur Seite springen, damit es mit dem Interview klappt. Uns hat das früher ein im Sender Lojo, ein Piltz oder ein Siegloch beigebracht. Haben die keine Nachfolger?

Ach! Doch! Da fällt es mir ein! Da gab es ja mal eine gefeierte Journalistin namens Patricia Schlesinger. Einst die Investigativ-Königin der ARD. Chefin der Investigativ-Ikone Panorama. Und wer einmal investigativ gearbeitet hat wie der Autor dieser Zeilen, der weiß, wie solche Redaktionen sich immer wieder wundern und es letztlich auch ein klein wenig feiern, wenn die Objekte der investigativen Begierde rhetorisch immer wieder die gleichen Fehler machen. Kopf in den Sand. Anwaltsschreiben. Alles abstreiten. Und was von Kampagne murmeln. Fertig ist der Film. Dümmer gehts nümmer.

Und was macht Frau Schlesinger – nun auf der anderen Seite? Selbst Opfer der Recherche? Genau das! Kann man das verstehen? Warum tut sie nicht das, was sie bei ihren investigierten Opfern immer wieder vermisst hat: Gesicht zeigen! Haltung zeigen! Kämpfen! Mit der Macht der Worte und dem Schwert der Argumente!

Es geht in solchen Fällen, ähnlich wie bei Anne Spiegel, ja selten noch darum, das Amt und den Job zu verteidigen. Sondern vielmehr darum, was in anderen Disziplinen „Wiederverwendungsfähigkeit“ heißt. Also dass es irgendwie weitergeht. Man hat ja gewisse Lebenshaltungskosten. Und für Anne Spiegel sollte schon noch was bei den Wasserwerken Südpfalz drin sein. Aber nicht nach diesem Auftritt. Und auch Frau Schlesinger droht das berufliche Zappenduster. Überleben geht halt nur mit offenen Visier. Und mit der Kunst der Rhetorik, die auf altmodische Dinge wir Haltung setzt. Und nicht auf das Hohe Ross des unbedingten Machterhalts.

Merkt Euch endlich mal: Das funktioniert nie! Genau wie es keine Schönheitsoperation gibt, über die nicht auch die besten Freunde hinter vorgehaltener Hand tuscheln und lachen, gibt es im Krisenfall nur eine politische Überlebensstrategie: Rhetorik der Einsicht, des Entschuldigens und der Besserung. Dann wird nicht automatisch alles besser. Aber man hat zumindest nochmal eine Chance.

Liest hier eigentlich der Frankfurter Oberbürgermeister mit? Zu spät! Vor dem Fall kommt immer der rhetorische Hochmut. Wissen Sie, was ich meine, Herr Feldmann?

Und dann gab es im rhetorisch mehr als lauen Sommer noch das Interview mit dem Bahnchef im heute journal. Mit wem? Mit dem Bahnchef! Aber ist der nicht lange im Ruhestand? Nein, ich meine nicht den Mehdorn, diesen rhetorischen Berserker, bei dem man immer das Gefühl hatte, er würde die Gleise mit bloßen Händen verbiegen. Bei diesem Rhetorik-Rabauke wusste aber zumindest jeder Fahrgast, wer der Bahnchef ist. Und der aktuelle? Okay, er heißt Lutz. Bahnchef Lutz! Klingt schon wie bei Thomas und seine Freunde.

Aber zurück zum Thema: Der Mann von der Bahn war live bei Christian Sievers. Hätte ja auch schlimmer kommen können. Marietta Slomka zum Beispiel. Der Oberste aller Maskenkontrolleure ist sogar persönlich nach Mainz gereist für dieses Interview. Man hat es bei der Bahn also echt ernst genommen, dieses Interview inmitten des größtmöglichen Bahn-Unbills aller Zeiten. Und sicher auch bestens vorbereitet.

Und schon schließt Christian Sievers die erste Frage ab: „Sind Sie in den letzten Tagen schon mal Bahn gefahren?“ Die Frage: So klein und fein, dass sie großartig ist! Und eine Chance für den Herrn Lutz. Wenn er denn wüsste, was die Rhetorik seit 2000 Jahren diktiert in solchen Fällen. Wie einfach die Antwort. „Oh ja! Und ich kann mich nur entschuldigen, was ich alles gesehen und erlebt habe. Ich verspreche: Wir tun alles dafür, dass Sie nach der Bahn wieder die Uhr stellen können.“

Was für eine Antwort. Alles drin. Haltung, Ethos, Logos und Pathos. Jeder versteht ihn. Jeder kann ihm folgen. Und Christian Sievers muss sich umdrehen und den Ball aus dem Tor nehmen. Falsch! Müsste!  Denn es lief ganz anders. Der Bahnchef hub an zu einem Deep-Dive in den technischen Maschinenraum eines Bahnchefs. Erklärte umständlich, was definitiv NICHT die Ursachen des Chaos seien (Hat danach jemand gefragt? Und warum soll ihm das helfen?) und versprach dann irgendwann Investitionen in Infrastruktur und Hochleistungsnetze. Ist das jetzt doch der Mann von der Telekom?

Sievers konnte diese flauschig geschossenen Bälle einhändig abwehren. Und die Zuschauer waren schon lange woanders. Inhaltlich bestimmt. Weil der Mann, der die Menschen durchs Land kutschiert, eben nicht so spricht, wie die Menschen, die er durchs Land kutschiert. Sondern wie ein technokratischer Bahnchef.

Und sonst noch? Robert Habeck macht auf Karl Lauterbach, muss heute kassieren, was er gestern angekündigt hat. Der Lauterbach selbst macht auf Robert Habeck und erklärt, warum der Winter mal wieder extrem gefährlich wird. Olaf Scholz macht auf Olaf Scholz und erklärt nix. Und wenn die umjubelte Außenministerin mal keine vorgeschriebene Rede vorzulesen hat, sagt sie den Russen immer wieder, dass sie nicht mit ihnen reden wolle. Was den ollen Kissinger wiederum veranlasst, mal ein Buch zu schreiben über die Freunde aus alten Tagen, zu denen das Wort Staatskunst wirklich passt. Und die alle auch irgendwie reden konnten. Lange her. Alle tot. Politiker aus Zeiten, in denen die Rhetorik noch Gegner hatte.

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