02.06.2024

Reschs Rhetorik Review – aus Politik & Kommunikation

Habeck gewinnt (fast) immer.
Oder: Was die Familienunternehmen bei Lanz falsch machen

Es ist so wichtig, dass Unternehmerinnen und Unternehmer in den Medien ihre Stimme erheben. Aber – wenn Du in die Medien gehst, dann beherrsche bitte die Kunst der strategischen Medienrhetorik. Denn: Ein Interview ist kein Diskurs mit dem Moderator oder den anderen G├Ąsten einer Talkshow. Ein Interview ist vielmehr eine Verhandlung – um die Zustimmung der ├Âffentlichen Meinung.

Wenn man das nicht verstanden hat, dann scheitert man so schmerzlich wie Marie Christin Ostermann, die Vorsitzende des Verbandes der Familienunternehmer, bei Markus Lanz. Sie hatte mit Markus Lanz nicht nur ein rhetorisch-strategisches Moderations-Schlitzohr gegen├╝ber. Sondern mit Robert Habeck gleich auch noch einen meisterlichen Gro├č-Strategen des gesprochenen Wortes. In diesem Setting ist Marie Christin Ostermann so kl├Ąglich untergegangen. „Von Habeck zerlegt…“ war in der Presse zu lesen. Man hatte den ganzen Abend Mitleid mit dieser doch so engagierten und erfolgreichen Unternehmerin.

Was ist passiert? Schauen wir uns das genauer an. Frau Ostermann hat viele Fehler gemacht. Drei schauen wir uns genauer an.

Erstens: der strategische Fehler. Die Unternehmerin geht mit einer inhaltlichen Position von vorgestern in die Diskussion. Sie k├Ąmpft f├╝r das Wiedereinschalten der Atomkraftwerke. Das kann man ja durchaus f├╝r richtig halten. Aber – selbst die Betreiber der inzwischen erk├╝hlten Meiler sagen: das geht nicht mehr. Der Zug ist abgefahren. Es bleibt also die Frage: Warum schickt der Verband seine Pr├Ąsidentin mit einer Position jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums ins Rennen? Warum setzen der Verband und seine junge und modern scheindende Repr├Ąsentantin sich nicht an die Spitze der Transformation? Ich bin ├╝berzeugt, die Familienunternehmen in Deutschland k├Ânnen das. Sie stehen „f├╝r“ etwas. Und nicht „gegen“ etwas. Merke: Du kannst gegen├╝ber der ├Âffentlichen Meinung nicht das Gestern verteidigen. Dein strategisches Ziel muss erreichbar sein. Und vor allem in der Zukunft liegen.

Zweitens: der rhetorische Fehler. Frau Ostermann spricht st├Ąndig im Konjunktiv und im Irrealis. Die ganze Zeit. Alles klingt wie ‚h├Ątte‘, ‚k├Ânnte‘ und ‚w├╝rde‘. Selbst ihre Ideen verkauft sie als „Option“. Wen soll das bitte noch interessieren? Das strategische Ziel liegt in der Vergangenheit, ist also faktisch unerreichbar (siehe oben). Und dann wird noch dieses Ziel noch im Konjunktiv verargumentiert. Man hat das Gef├╝hl, Frau Ostermann glaubt selbst nicht dran. Und dann sitzt ihr ein Robert Habeck gegen├╝ber, ein Meister des gesprochenen Wortes. Der seine Position pr├Ązise im Pr├Ąsens formuliert. „Wir sind.“ „Wir haben.“ „Wir machen.“ „Wir k├Ânnen.“ Und: „Ich bin ├╝berzeugt.“ In diesem rhetorischen Setting ist v├Âllig klar, wer in Ringen um die ├Âffentliche Meinung punktet.

Dieses Sprachbild des Konjunktivs erlebe ich h├Ąufig im Coaching bei meinen Klientinnen und Klienten. Es ist letztlich ein Zeichen der Unsicherheit. Einer im Inneren noch nicht final gefestigten Position. Die dr├╝ckt sich auch im Sprachbild aus. Das Unterbewusstsein hat nun mal enorme Kr├Ąfte. Und all das findet sich auch in der K├Ârpersprache wieder. Bei Frau Ostermann ist dies ein stetig zur Seite gelegter Kopf. Eine br├╝chige und flatternde Stimme. Ein stetiges L├Ącheln, selbst wenn sie ernsthafte Inhalte zu verk├╝nden versucht. Und dann sitzt sie da auch noch in kunterbunter Papageienkleidung mit goldenen Schuhen. Dieses Gesamtbild aus Sprache, K├Ârpersprache und Kleidung tr├Ągt nicht zu einem souver├Ąnen Gesamteindruck bei.

Diese sich stetig steigernde Unsicherheit von Frau Ostermann h├Ąngt sicher auch mit der an diesem Abend unglaublich gefestigten Souver├Ąnit├Ąt eines Robert Habeck zusammen,Seine F├Ąhigkeiten als Wirtschaftsminister werden ja immer wieder bezweifelt. Eine F├Ąhigkeit kann man ihm aber nicht absprechen: den Umgang mit dem gesprochenen Wort. Der Mann ist Schriftsteller. Er kann seine Leser fesseln. Und auch die Zuschauer bei Lanz. Weil er um die Kraft der Worte wei├č.

Und dann kommen wir zum dritten entscheidenden Fehler von Frau Ostermann. Der dialektische Fehler. Was machen viele Menschen in einer Talkshow? Sie versuchen, ihr Gegen├╝ber zu ├╝berzeugen. Also hier: Robert Habeck. Marie Christin Ostermann geht ihn so pers├Ânlich an, als wolle sie erreichen, dass Robert Habeck am Ende aus dieser Talkshow geht und auf Knien Abbitte leistet: „Oh, verehrte Frau Ostermann, Jetzt sind sie mich so hart angegangen. Und Sie haben recht. Ich werde meine politischen Positionen noch heute Nacht revidieren Und alle Atomkraftwerke wieder einschalten.“

Niemals! Frau Ostermann hat f├╝r ihre Aggression den falschen Adressaten gew├Ąhlt. Man wird in keiner Talkshow sein Gegen├╝ber Niederringen und zur Aufgabe aller Positionen bewegen k├Ânnen. Es geht in einer Talkshow einzig und allein darum, das Publikum zu ├╝berzeugen.

All das macht Robert Habeck perfekt. Er stellt sich rhetorisch auf die Seite des Publikums. Er erkl├Ąrt den Menschen, warum seine Politik die einzig richtige ist. Und die Argumente von Frau Ostermann dagegen aus seiner Sicht v├Âllig abwegig. Das macht er klar, ruhig, pr├Ązise. In kurzen S├Ątzen. In verst├Ąndlichen Worten. Ohne Aufregung. Dezent gekleidet. Den Kopf gerade. Im Pr├Ąsens formuliert. Also: absolut ├╝berzeugend.

Und ihm gegen├╝ber die Familienunternehmerin, die sich in ├╝berkommen inhaltlichen Positionen, in unverst├Ąndlicher rhetorischer Realit├Ątsflicht in den Konjunktiv und in einem argumentativen Kampf mit dem falschen Gegner Robert verliert. Und ihm gegen├╝ber eine engagierte Familienunternehmerin, die auf ihrer Scholle immer weiter weg treibt vom Publikum, das seine Punkte schon lange verteilt hat. Sieger in diesem Duell: Robert Habeck.

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